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Rupielaender (Nepal, Indien, Pakistan)4 Monate wartendes Rumhaengen, 3 Monate spannendes ReisenLahore, Pakistan, 27.10.2006 – Wir wartenHabs kaum erwarten koennen: In Gilgit kommen endlich die Anzeichen, dass mein Kardan aufgibt. Waehrend ich mir mittlerweile die ganzen schoenen Touren im Norden abschminke, warte ich in der Hauptsache, dass der nette Mechaniker von Gegenueber fuer mich Zeit hat. Macht nix, der neue Kardan braucht ja eh mindestens ne Woche, bis er in Lahore ankommt. Ansonsten warten die Reisenden neben mir eher kurzfristig: Auf den Jeep zum Treckanfang oder auf besseres Wetter. Fluege von Gilgit werden naemlich auf Sicht durch die engen Taeler geflogen. Und was viel spannender ist: in Militaer-Transportmaschinen. Nach 10 Tagen Warten kommt dann auch der gute Ratschlag: Pack doch Dein Motorrad auf den Flieger und flieg nach Islamabad. Zu teuer, ich faehre lieber, trotz angeschlagenem Motorrad. In Islamabad warten dann erstmal viele Leute auf dem Campingplatz auf mich. Es trennt sich dann allerdings schnell die Spreu vom Weizen: Die Indienvisawarter, die Motorradreparierer, die Krankenpfleger (die flexibel sind und, nachdem sie an der pakistanischen Grenze aus formalistischen Gruenden am Ausreisen gehindert werden, zu Papierkriegwartern werden), die Jobsucher, die zweidreiTagePausemacher und sogar ein Rumhaenger, der freiwillig mehrere Wochen (!) einfach nur auf dem Campingplatz bleibt, weil er so schoen ist. Wie uncool.
Mein Status ist lange unklar. Ich verbringe meine Zeit damit zu klaeren, ob ich eigentlich gerade auf irgendwas warte oder ob ich darauf warte, dass mein Ersatzteil losgesendet wird und ich endlich auf das Teil warten kann. Solange bis das klar ist, bin ich damit ein Informationswarter. Und ein voellig unrelaxter dazu. Wer haette es gedacht: Es IST moeglich, innerlich im Dreieck zu springen und abends erschoepft von der Taetigkeit um halb Neun auf die Isomatte zu sinken. Ich erhoehe den Einsatz und mache mich zum Carnetwartenden. Wird Zeit, mein altes laeuft am 14.11. ab. Bis dahin muss ich dringend das Land verlassen, sonst gibt es Papierkrieg auch fuer mich. Mein Ticket nach Lahore ist laengst gebucht (kann den Campingplatz nicht mehr sehen), als ich befoerdert werde vom Informationswarter zum Ersatzteilwarter. Am selben Abend humple ich mit schlechtem Gefuehl im Bauch zum Bahnhof in Rawalpindi und warte erstmal sechs Stunden auf meinen Zug. In Lahore erlebe ich eine weitere Befoerderung: Das Teil ist angekommen, am letzten Tag des Ramadan, so dass ich jetzt nur noch die vier Feiertage und das anschliessende Wochenende abwarten muss, um es vom Flughafen abzuholen. Mit mir wartet ein volles Guesthouse voller Eidbeendigungswarter, Sufimusikkonzerterwarter und sogar ein Indienvisumwarter (obwohl der doch eigentlich nach Islamabad gehoert). Das ist der Stand heute, nach 37 Tagen Warterei. Kann es kaum erwarten, wieder ins Rollen zu kommen. Aber warten wir's ab. Islamabad, Pakistan, 02.10.2006 – Afghanistan?Vor meinem Start hatte ich drei Laender fuer mich ausgeschlossen: Irak, Somalia und eben Afghanistan. Seit ich in Pakistan bin, scheint aber jeder zweite den ich treffe entweder aus Afghanistan zu kommen oder auf dem Weg dahin zu sein: Jede Menge Backpacker, die mal eben nach Kabul und zurueck duesen; der Argentinier, der per Anhalter von Iran durch Zentralafghanistan nach Pakistan gefahren ist; das britische Paar die mit ihrem Landcruiser von Tadjikistan ueber Kunduz und Kabul kamen; das deutsche Paar mit ihrem Landcruiser, deren Strecke ich nicht kenne. Und alle sagen, sie haetten sich wohl gefuehlt. Oft jedenfalls. Koennte einen schon in Versuchung fuehren. Zum Glueck bin ich durch eine visumstechnische Besonderheit vor der Versuchung gefeiht. Sehr zu meiner eigenen Erleichterung. Gilgit, Pakistan, 17.09.2006 – Kleine WunderResi gibt mir derzeit Peitsche und Zuckerbrot. Die Peitsche kann man im Technischem Logbuch genauer betrachten. Das Zuckerbrot besteht darin, dass sie mir die Peitsche in derartig spektakulaerer Umgebung mit so freundlichen, warmherzigen Menschen gibt, dass mich selbst ein der Gedanke an einen mehrwoechigen Aufenthalt in Erwartung von Ersatzteilen aus Deutschland nicht allzusehr frustriert: Ich kann ja auf lange Treks gehen und mir Nanga Parbat oder K2 mal aus der Naehe anschauen. Und dann sitze ich gestern friedlich lesend in dem Garten meines Guesthouses, als ein kleines Mopped mit einem mittelalten Pakistani auftaucht, der einen orginal Siebzigerjahrejethelm in Blaumetallic auf dem Kopf hat. Der geht zielstrebig auf mich zu und sagt, er habe in einem kleinen Doerfchen - mehr als Hundert Kilometer entfernt auf dem Karakorumhighway - gehoert, ich haette Probleme mit meiner BMW. Er habe einen Freund in Lahore, der mehrere BMWs meines Modells besaesse und auch eine grosse Ersatzteilsammlung habe. Mit dem solle ich mich unbedingt in Verbindung setzen, wenn ich Probleme habe. Der wuerde mich schon mit Hilfe und Ersatzteilen versorgen. Ich solle ihn anrufen, der Freund wisse Bescheid. Drueckt mir daraufhin eine Visitenkarte in die Hand, dreht sich um und geht. Manchmal kann man den Leuten einfach nur noch offenmuendig hinterherstarren. Gilgit, Pakistan, 08.09.2006 – 300 km kupplungslosDass mein Kupplungsseil bald mal wieder faellig ist, weiss ich schon seit Rajastan. Geiz (neue Seile sind teuer) und Faulheit lassen mich den Seilaustausch aufschieben. Meine Vorsorge besteht darin, dass ich ein Ersatzseil doppelt verlege und die in Cambodia gekaufte Zange mit den langen Backen (Gruss an Angelique) in die Lenkertasche stecke. So sollte der Tausch innerhalb Minuten ohne grossartiges Wuehlen in den Koffern von statten gehen koennen. Jetzt kann ja nix mehr schiefgehen. Mitten im engen Industal spuere ich dann das vertraute Rucken im Kupplungshebel. Den Motor abwuergend bleibe ich stehen, nur um zu entdecken, dass ein kleines aber entscheidenes Metallteil sich ebenfalls verabschiedet hat und vermutlich auf dem Grund des Indus schwimmt. Ohne Metallteil kein Kupplungsseilwechsel. Soviel zum nix mehr schief gehen. Optionen habe ich nicht viele. Zeit, etwas fuer das Kupplungsseil zu improvisieren (das Koennen unterstellen wir mal) habe ich nicht. Natuerlich befinde ich mich ausnahmsweise auf einer der Etappen, auf der man die Wahl hat zwischen einem sehr fruehen Ende des Tages oder einem ehrgeizigen Tagesziel, das so gar keine Zeit fuer Pannen und dergleichen lassen. Ich bin ehrgeizig und darf auf gar keinen Fall ins Dunkel kommen - mein Licht funktioniert nach wie vor nicht. Wozu auch, ich fahr ja nur waehrend des Tages. Immerhin bin ich im Kupplungsseilreissen mittlerweile erfahren und weiss, dass ich auch ohne Kupplung Gaenge wechseln kann. Das mag zwar fuer das Getriebe nicht ideal sein, aber ich komme weiter und kann mich ja bemuehen, in einem Gang zu bleiben. Dazu muss man aber erst in Bewegung kommen. Dafuer kenne ich mittlerweile gleich zwei Methoden, ohne Hilfe der Kupplung anzufahren. Bei der einen lege ich den ersten Gang ein und druecke den Anlasser, bis der 400 kg Motorrad und Lars hoppelnd in Bewegung setzt. Bei der anderen starte ich den Motor im Leerlauf, schiebe das Motorrad im Sitzen ein wenig in Bewegung und zwinge krachend einen Gang rein. Bei ersterer Methode beschwert sich irgendwann der Anlasser mit blauem Rauch, so das Aha-Erlebnis in Korea. Es riecht also buchstaeblich nach Elektrikproblemen. Ausserdem, so das Aha-Erlebnis aus Thailand, kann ein Anlasser sehr ploetzlich von einem Moment auf den anderen versagen, waehrend ich auf der anderen Seite immerhin noch die Hoffnung habe, dass das Getriebe vor dem Ende aufheult und mir Zeit laesst, die naechste groessere Stadt zu erreichen. Die Strasse ist gut, der Verkehr duenn, puenktlich eine halbe Stunde vor Sonnenuntergang erreiche ich seit zwei Stunden im vierten Gang fahrend, Chilas. Ein anderer Hotelgast spricht etwas Englisch und weist mich noch auf die direkt gegenueberliegende Motorradwerkstatt hin. Dessen Inhaber ist auch sehr freundlich, kann mir zwar heute nicht mehr helfen, weil er ein Teil braucht, dass er nur aus einem anderen Laden bekommen kann. Der hat aber schon zu. Aber morgen zwischen halb sieben und halb acht sei er in der Werkstatt, da koenne er mir helfen. Das kann eigentlich nur heissen, dass die Werkstatt ab halb sieben oder halb acht auf hat, oder? Das heisst, dass der Mechaniker wohl zwischen halb sieben und halb acht da war. Als ich am naechsten Morgen, Michael Palins "Himalaya" sei dank, um viertel nach Acht mit verquollenen Augen vor verschlossenem Rolltor stehe, daemmert es mir: Heute ist Freitag. In einem muslimischen Land. Einen Tag warten oder weiter nach Gilgit? Fuer Gilgit spricht, dass mir dort ein "sehr nettes" Guesthouse heiss empfohlen wurde. "Sehr nett" kann ich jetzt brauchen. Also weiter. (Mein Vertrauen in mein technisches Improvisationsvermoegen ist nicht gewachsen ueber Nacht, so dass mir erst beim Bericht schreiben einfaellt, dass ich es ja haette versuchen koennen.). Leider wird die Strecke problematischer. Erdrutsche haben haeufig Passagen der Strecke ueberdeckt oder sogar weggerissen. Verstaendlich: Bei einem Blick auf die steilen Waende neben der Strasse, die im wesentlichen aus weicher Erde mit ein paar eingeworfenen Steinen bestehen, stellt man sich eher die Frage, wieso das Industal nicht nach dem ersten Monsunregen voellig eingeebnet wird.
Ein Pfad ist zwar immer gebahnt, aber nur eine Spur breit und oft mit weichem, tieferen Sand bedeckt. Und die wird in der Regel von einem im ersten Gang fahrenden Lkw blockiert, wenn nicht Autos versuchen, sich und andere auf einer zwei Meter breiten Spur zu ueberholen. Da Lkws im niedrigen Gang langsamer sind als ich im ersten, bedarf es aeusserst vorausschauenden Fahrens: Unterschreitet die Drehzahl meines Motors ein bestimmtes Mass, kann ich nicht mehr herunter schalten. Gleichzeitig darf ich in diesen Passagen den Motor nicht abwuergen: Beide kupplungslose Startmethoden versagen in weichem Sand oder bergauf (und zum Wenden im ersten kupplungslos ist die Strasse zu eng). So verlege ich mich zwangsweise auf pakistanisches Fahrstil, um nur nicht stehenzubleiben: Ueberholen ohne Sicherheitsmarge oder Zickzackfahren im Sand, Zentimeter hinter einem schwankenden Lkw-Heck, um nur langsamer als der Lkw zu sein. Schliesslich versagt mein Glueck: Ein Brummifahrer beschliesst, inmitten einer engen Passage ganz stehen zu bleiben. Weichsandige Strecke, bergauf: Keine Chance, allein wieder loszukommen. Warten. Weniger als zehn Minuten: Hilfe taucht so ploetzlich in Form anschiebender Buspassagiere auf, dass ich vergesse, meine Handschuhe anzuziehen. Hektisch klemme ich sie waehrend der Fahrt an einen Ort, an dem sie sicherer vor dem auf die Strasse-Fallen sind. So voellig handschuhlos, kommt mir die Idee, meine kleine Kamera aus der Jackentasche zu ziehen, um wenigstens ein paar Fotos der beeindruckenden Landschaft waehrend der Fahrt hinzubekommen. Sogar den Nanga Parbat musste ich ja in meinem Bemuehen, in Bewegung zu bleiben, unfotografiert lassen. Das ist aber nicht ganz so einfach, wie es sich anhoert: Mein Vorderreifen ist am Ende und signalisiert dies durch heftiges Lenkerschlackern in mittleren Tempi, das sich einhaendig fahrend kaum unter Kontrolle bringen laesst. - Nach erfolgreicher Uebung signalisiert mir Mr. Murphy durch ein Piepen, dass er nach wie vor mit mir ist: Die Kamerabatterie ist leer. Einige Landrutsche weiter in Gilgit bin ich trotz der recht fruehen Stunde sehr bereit, mir ein oder mehrere kalte Bier durch die Kehle rutschen zu lassen. Aber find mal einer Bier hier. Islamabad, Pakistan, 02.09.2006 – GastfreundschaftDie mir von anderen Reisenden schon geruehmte pakistanische Gastfreundschaft laesst sich weniger als eine Stunde Zeit und etwa 25 km Weg, bis sie zuschlaegt: Im Strassengewirr von Lahore bemerke ich ploetzlich ein gruenes Auto, von dessen Ruecksitzen ein sehr muslimisch aussehender baertiger junger Mann schwankend versucht, mich mit seinem Handy zu fotografieren. Als ich froehlich in die Kamera winke, ist es vorbei. Der Wagen schiesst vorwaerts und, mich zur Notbremsung zwingend, an den Strassenrand. Heraus stuermt, knapp gefolgt von dem jungen Mann, der sich als Sohn herausstellt, Javeed, 46. Javeed heisst mich erst einmal mit warmen Haendedruck herzlich in Pakistan willkommen, stellt sofort fest, dass ich auf dem Weg in mein Hotel falsch bin und malt mir liebevoll eine Karte. Ausserdem gibt er mir seine Telefonnummmer und nimmt mir das feierliche Sprechen ab, ihn anzurufen. Das getan, nimmt er sich jeden Tag Zeit, mich in seinem Lahore herumzufuehren und mich in irgendeiner Form zum Essen einzuladen. Auch der Eigentuemer des Hotels in dem ich absteige, Malik, kann sich, Business hin oder her, nicht zurueckhalten. Als Eigentuemer eines Hotels verdient er zwar sein Geld mit den Auslaendern. Das Hotel ist es aber eher nicht, was seine Gaeste anzieht: Mich jedenfalls nicht unbedingt, nachdem sich in einem Gewitterregen wahre Fluten durch das Dach auf meine Klamotten und Buecher ergiessen und in der vorletzten Nacht eine Ratte ueber mein Bein laeuft. Vielmehr ist es der Eigentuemer selbst, der anzieht. Kommunikativ und sympathisch, kann er mit Gaesten jeden Alters. Mal zieht er sich mit den jungen zum Kiffen zurueck, mal schwatzt er mit den aeltesten ueber die letzten Gesundheitsprobleme. Donnerstags und an Festivaltagen zeigt er seine Gastfreundschaft, indem er Touren zu Qawwali konzerten und -festivals sowie Konzerte beruehmter Qawwalimusiker im Hotel selbst organisiert. Fuer umsonst. Das sei seine spirituelle Pflicht, meint er. Da will auch der Konsul der iranische Botschaft in Islamabad nicht zurueckstehen. Nachdem ich mittlerweile wochenlang Aerger mit der iranischen Botschaft in Delhi habe, die nach sechs Wochen immer noch auf meine taegliche telefonische Frage, ob ich jetzt ein Visum kriege im wesentlichen "weiss nicht" antwortet, gibt mir ein Hollaender (komplett mit Wohnmobil :) ) auf dem beruehmten Overlanderzeltplatz in Islamabad den Tipp, doch mal direkt hier einen Antrag zu stellen. Resultat: Nach einem Werktag kann ich mir den Pass inklusive neuem Aufkleber abholen. Der nette, gerade mal ein Jahr aeltere Konsul laedt mich noch zu Kaffee und Gebaeck ein. Nach einstuendischem Schwaetzchen ueber meine Reise im Allgemeinen und meine Reiseplaene im Besonderen, inklusive ausfuehrlichem Exkurs zum Thema Islam und Gastfreundschaft gibt er mir mit dem Hinweis, in seiner Kultur sei es ueblich, Gaeste insbesondere mit ungewoehnlichen Vorhaben so weit wie moeglich zu unterstuetzen ungefragt das laengstmoegliche Visum: 60 Tage. Eine seltene Ehre, hab ich noch nicht gehoert, dass jemand das bekommen hat. Um abschliessend nochmal auf meinen Strassenindern herumzuhacken: Dass Rikschafahrer breit lachend und winkend nach Abschluss der Tour Ehrenrunden mit ihrem zweitaktstinkenden Gefaehrt um den auslaendischen Gast drehen, ist mir jedenfalls in Indien nicht passiert. Seite 1 von 3 | vor Seitenanfang |
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